Anekdote: Auf leisen Pfoten 🐾
(Eine Anekdote, eine Saga, ein Teil einer Geschichte, aufgezeichnet im Jahre 1322, erzählt und geschrieben von euerem ωγκø,
Wanderer und Lauscher alter Chroniken des Herolds)
📜 Ein Wort des Erzählers, auf dass später keiner klage 📜
„Hört her, ihr Wandersleut!
Der hier erzählende Mann, Sammler von Sagen, Mythen und wohlfeile Mär. Ob sie wahr sind? Nun ja, dass weiss er selbst nicht so genau. So sei’s gesagt, viel Vergnügen dem er nun erzählet!“ Vom stillen Begleiter der Wege. Zitat: „Nicht alles, was klein ist, ist harmlos und nicht alles, was schweigt, ist ohne Gewicht.“
Setzt euch liebe Leute … ja, auch ihr Grossen, und rückt ein wenig zusammen, denn die Nacht hört mit.
Diese Geschichte ist keine Heldensage. Kein Drachen wird darin erschlagen, kein König erhebt sein Schwert zum Ruhm und es wird niemand in den Kerker geworfen.
Nein.
Dies ist eine Erzählung von Wegen. Von jenen, die sie gehen und von jenen, die sie begleiten, ohne dass man es immer bemerkt. Und merkt euch eines, ehe wir beginnen: Nicht alle kommen mit Fanfaren, manche kommen auf leisen Pfoten🐾.
Teil I – Wie ich den Schnellzeichner traf und beinahe nichts bemerkte. Es war auf einem Markt, wie es viele gibt. Staubig war er, laut, die Luft roch nach verbanntem Fett und süssem Met, und irgendwo schlug einer auf eine Trommel ein, als wolle er der Nacht den Weg versperren.
Ich war unterwegs, wie ich es immer war. Als Reisender der Welten und mit mehr Geschichten im Kopf als Münzen im Beutel und mit einem Becher, der selten leer blieb, aber an jenem Abend, das merke man sich, der Becher noch voll war. Es war der erstgefüllte.
Neben mir stritt ein Paar um den Preis eines Messers, das keiner von beiden wirklich wollte. Ein Kind weinte, hörte aber augenblicklich auf, als ein Hund an ihm vorbeilief. Und ein alter Mann zählte seine Münzen dreimal, legte sie zurück und ging dann doch ohne Ware davon. Erst später kam mir der Gedanke, dass an jenem Abend vieles begann, ohne je wirklich zu enden.
Da sah ich ihn.
Einem Mann, dessen Besitz gering, doch dessen Gepäck sonderbar reich war. Leinwand trug er bei sich und Pinsel, und wo immer er rastete, hielten die Menschen inne, denn seine Hand war schnell und sein Blick scharf. Wo er auftauchte, blieb er meist nicht länger als ein paar Stunden. Er setzte sich, zeichnete, stand auf und war schon wieder fort, ehe man recht wusste, ob man ihm zugesehen oder ihn nur geträumt hatte.
„Ein Schnellzeichner“, sagte man mir.
„Einer von denen, die nicht lange bleiben.“ Und das wäre wohl alles gewesen, hätte ich ihn nicht ein zweites Mal getroffen. Und ein drittes. Und immer wieder, an Orten, die wenig miteinander gemein hatten.
„Ihr bleibt nicht lange“, sagte ich, mehr Feststellung als Frage. Er lächelte schief. „Lang genug“, antwortete er und begann bereits, das Papier zu wenden.
Er zeichnete Hände zuerst. Immer Hände. Gesichter schienen ihm zweitrangig.
Lange Zeit schien er mir nichts weiter als ein weiterer Reisender unter vielen.
Erst beim, X Mal, ich habe nicht gezählt und ja, ich bin langsam, lacht nur, ja dann fiel mir etwas auf. Aus seiner Tasche, kaum grösser als eine Faust,
lugte etwas hervor. Nicht viel. Nicht auffällig. Ein Schatten vielleicht. Oder ein Stück Fell.
Ich blinzelte. Sah in meinen Becher. Ja der war noch voll. Eben Erst gefüllt. Also sah ich genauer hin. Etwas Kleines, Unscheinbares. Ich hätte es fast übersehen.
Und doch, da war Es.
Eine kleine Maus 🐀 sass dort, ruhig, beinahe würdevoll, und betrachtete die Welt mit Augen, die mehr gesehen hatten, als sie hätten sehen dürfen.
Still und wachsam.
Als hätte sie schon lange dort gesessen. Sie verschwand nicht, als ich sie bemerkte, sondern blieb einfach, als wäre ihre Anwesenheit das Natürlichste der Welt.
Ich sagte nichts. Der Schnellzeichner sagte nichts.
Und die Maus, nun, die sagte ohnehin nie etwas.
Später erfuhr ich ihren Namen.
Sir William, der freie Wanderer.
Teil II – Von Sir William, wie er genannt wurde geboren, so sagt man, im Feuer des Schmiedes zu Huttwil.
Was das heissen soll?
Fragt mich nicht. Ich erzähle nur, was man sich zuflüstert. Seitdem war er unterwegs. Nicht angebunden, nicht gehalten.
Frei, wie nur wenige sind.
Man sah ihn auf Bildern. Immer wieder. Nie im Mittelpunkt, nie geplant.
Einmal sass er auf der Hand eines Narren, der lachte, ohne zu wissen warum.
Ein anderes Mal auf der Hand einer königlichen Hoheit, die ihn nicht bemerkte, aber später von einer seltsamen Unruhe sprach.
Man sah ihn zwischen den Wölfen, sagt man. Nicht in ihrer Mitte, nicht als Herr. Er sass abseits, den Schwanz eng an den Leib gezogen, während das Rudel auf Helmen ruhte. Einer der Wölfe hob den
Kopf, schnupperte und wandte sich wieder ab.
Niemand, der das sah, konnte später sagen, warum ihn gerade das beunruhigte.
An der warmen Seite einer Maid, die schwor, sie habe in jener Nacht besser geschlafen als jemals zuvor.
Man fand auch ihn zwischen einem Laib Brot und süsser Speise, bei gut durchgebratenem Fleisch, auf schwindelerregenden Burgzinnen und in einem Verlies, tief unter einer Burg, wo das Wasser von den Wänden rann, sass er zwischen Stroh und Eisen, wo selbst Hoffnung feucht wird.
Immer da. Nie laut.
Teil III – Vom Tragen und getragen werden. Der Schnellzeichner trug ihn in seiner Tasche. Oder… vielleicht trug Sir William den Zeichner.
Denn wo immer der Mann war, war auch die kleine Maus.
Und wo Sir William war, da geschahen Dinge, die man erst später verstand.
Nicht immer gute.
Nicht immer schlechte.
Aber immer solche, die blieben.
Niemand sprach viel über ihn.
Manche bemerkten ihn gar nicht. Andere erinnerten sich erst später, wenn sie die Bilder betrachteten und sich fragten, warum ihnen diese kleine Gestalt nie zuvor aufgefallen war.
Manche sagen, Sir William erscheine nur denen, die viel unterwegs sind. Anderen, die innerlich nie ganz ankommen.
Und wieder andere meinen, er sei nur eine einfache Maus. Nichts Weiter. Doch diese sagen das meist sehr hastig und sehen dabei weg.
Einmal, und das verschweige ich ungern, glaubte ich, Sir William verloren. Die Tasche war leer. Kein Rascheln, kein Gewicht. Der Schnellzeichner sagte nichts dazu. Am nächsten Morgen sass die Maus wieder da, als sei sie nie fort gewesen. Und ich fragte nicht, wo sie gewesen war. Manche Antworten machen einen nur langsamer.
Und vielleicht sitzt es gerade jetzt irgendwo, auf einer Schulter, in einer Tasche und schaut uns zu.
Teil IV – Schlusswort des alten Erzählers und was vom Feuer bleibt. Nun, liebe Leute … und ihr Grossen mit euren schweren Gedanken.
Ich weiss nicht, ob Sir William ein Omen ist, ein Begleiter, oder nur ein Spiegel.
Doch merkt euch dies: Achtet auf das Kleine. Auf das Stille.
Auf das, was euch nicht anspringt, sondern nur zusieht.
Denn nicht alles Unheil kommt mit Getöse. Und nicht jede Warnung hat eine Stimme.
Manches sitzt einfach da, und wartet.
So… nun ist die Zeit vorangeschritten, und die Nacht hat genug gehört.
Ob Sir William wirklich war, was man sich zuflüstert oder nur eben eine einfache Maus, die zufällig oft, zur rechten Zeit am rechten Ort sass, das will ich nicht entscheiden.
Denn wisset, die gefährlichsten Geschichten sind jene, die man erklären kann.
Ich habe Männer gesehen, die lachten, als sie ihn bemerkten.
Und andere, die Tage später stiller gingen als zuvor. Nicht aus Furcht, sondern aus Erkenntnis.
Vielleicht ist Sir William nichts weiter als ein Zeichen dafür, dass man nie allein reist.
Dass jede Tat gesehen wird. Und dass selbst die kleinsten Begleiter Zeugen sein können.
Schlusswort des Erzählers
Darum, wenn ihr heute, oder morgen weiterzieht, achtet auf eure Taschen.
Auf eure Schultern und auf das, was euch still aus den Augenwinkeln betrachtet.
Nicht alles kündigt sich an. Nicht alles warnt laut.
Und manchmal, meine Lieben Freunde, kommt das Schicksal auf leisen Pfoten 🐾.